Wenn es reichen würde zu wissen, was gut für uns ist und wir dann auch noch tun würden, was gut für uns ist, dann müsste kein Wort mehr über die Motivation verloren werden. Es müssten keine Ratgeber geschrieben, keine Coachings gehalten und keine Tipps über das Internet verbreitet werden. Wir würden uns etwas vornehmen – und es tun.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn da gibt es einen kleinen Teil in unserem Gehirn, das uns zuruft: „Iss die Schokolade!“ „Leg dich aufs Sofa!“ „Schau dir noch kurz die dritte Staffel von Game of Thrones an!“. Warum ist das eigentlich so? Warum haben wir es in Tausenden von Jahren der Evolution nicht geschafft, eine effiziente Selbstkontrolle aufzubauen und unsere Impulse auszublenden?

Schauen wir uns einmal unsere Vorfahren in der Steinzeit an: Sie waren hauptsächlich mit drei mehr oder weniger einfachen Aufgaben beschäftigt: Essen, Reproduzieren, Nicht Gefressen Werden. Dazu kam mit der Zeit, dass man zum Überleben seine Mitmenschen benötigte. Wollte man länger als ein durchschnittlicher Säbelzahntiger leben, musste man sich in einem Stamm arrangieren. Dazu gehörte es, trotz Hunger kein Essen von seinen Stammeskollegen zu stehlen und die Hände hin und wieder im Schoß zu lassen – im eigenen. Steinzeitmenschen, die sich daran nicht hielten, wurden ausgeschlossen und starben. Die Willenskraft entwickelte sich.

Unsere Impulse, Instinkte oder wie auch immer man es nennen mag, waren aber schon immer da sind uns bis heute erhalten geblieben. Und das ist wichtig: Menschen ohne Bedürfnisse werden depressiv, Menschen ohne Angst schätzen Risiken falsch ein, Menschen ohne Schlaf haben eine kürzere Lebenserwartung. Damit wir überleben braucht es also einen ständigen Austausch zwischen Willenskraft und Impulsen.

Manchmal ergänzen sich die beiden auch: Man steht an der Tankstellenkasse, sieht die Schokolade und möchte (impulsartig) gerne zugreifen. Der präfrontale Cortex (unsere „Vernunftregion“) sagt nein, durch einen zweiten Blick auf das Preisschild verursacht die Impulsregion im Gehirn einen kurzen Schmerz und ohne umfangreiche Nutzwertanalysen können wir entscheiden: Die Schokolade wird nicht gekauft.

Wir wissen also, dass wir unsere Impulse genauso benötigen wie unsere Willenskraft. Aber hier kommt ein Problem ins Spiel: Unsere Impulse nehmen zu, wenn sie ignoriert werden. Die Willenskraft nimmt aber wie ein Muskel mit der Benutzung ab, wie Roy Baumeister von der Florida State University schon vor vielen Jahren herausfand.

Der Grund, warum wir in der Klausurenphase mehr Schokolade essen und nach einem harten Arbeitstag weniger Sport machen – wir haben den Tag über soviel Willenskraft aufgebraucht, dass wir uns am Abend gehen lassen.

Wie können wir dieses Wissen für uns nutzen? Ein paar einfache Tipps:

  • Merkt euch die Zeit am Tag, an dem eure Willenskraft stark ist und wann es für euch am gefährlichsten wird, nachzugeben. Plant euren Tag danach und reduziert die Versuchungen, wenn die Willenskraft aufgebraucht ist.
  • Legt euch andersrum anspruchsvolle Aufgaben in die Zeit des Tages, in der die Willenskraft beinahe aus euch herausbricht.
  • Entscheidungen kosten fast immer Willenskraft. Vermeidet viele kleine von ihnen, wenn große Dinge anstehen. Geht in der Klausurenphase nicht den halben Tag shoppen, wenn ihr abends noch lernen möchtet.
  • Fragt euch selbst, ob ihr den Text noch lesen, den Aufsatz noch schreiben oder die 10km laufen gehen würdet, wenn euch jemand eine Millionen Euro dafür böte. Lautet die Antwort ja, dann tut es – und denkt darüber nach, warum Geld so motivierend auf euch wirkt.
  • Nehmt euch eine persönliche Belohnung vor, nachdem ihr schwierige Dinge erledigt habt. Während ihr noch damit ringt, ob auch das 24. Aufgabenblatt in Elektrotechnik gerechnet werden muss, stellt ihr euch vor, wie ihr danach die nächste Folge eurer Lieblingsserie schauen werdet. Die Entscheidung wird euch spürbar leichter fallen, wenn eine sofortige Belohnung in Aussicht steht.